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oder einfach „die Statistik“. Wir sind in den 16 Tagen 8601 Kilometer gefahren – das sind mehr als 535 Kilometer pro Tag – und haben dabei 666 Liter Diesel verbraucht. Das ist ein Schnitt von nicht ganz 7,75 Litern/100 Km. Damit sind wir super zufrieden. Wir haben nur einen wirklich nennenswerten Defekt gehabt (Batterie), den wir auch noch selbst verursacht haben. Das Auto hat klasse durchgehalten und würde diese Route mit Sicherheit noch einmal schaffen.

Es wurden sage und schreibe 19,- Euro für Übernachtungen ausgegeben. In Worten – neunzehn – Euro. Futter und Getränke waren ein bisschen mehr, aber das liegt an jedem selbst. Trinkwasser gab es überall und umsonst. Teuer war nur die Fährbenutzung und der Zugang zum nördlichsten Festlandpunkt.

Wir haben sehr viel an Erfahrungen, Eindrücken und Emotionen mitgenommen. Viele Orte kommen auf die Liste „nochmal besuchen“, andere sind davon gestrichen. Durch die Bank haben wir fast nur nette Menschen kennengelernt. Alle sind furchtbar offen und wir als manchmal doch sehr verbitterte Mitteleuropäer können hier sehr viel lernen. Es wird sicher noch Tage oder Wochen dauern, bis alles verarbeitet ist. Aber eines ist nach dieser Tour auf jeden Fall sicher – alles, wirklich alles ist irgendwie machbar. Und niemand muss Schlimmes oder Schlechtes alleine durchstehen. Die unglaublichsten Geschichten sind uns über den Weg gelaufen. Da wurde geholfen, organisiert und wie Teufel improvisiert. Sicher wird es bei persönlichen Treffen mit uns nur so sprudeln.

 

Polen

Wir haben am späten Abend noch an einer Tankstelle in Lithauen gehalten, um eine Karte von Polen zu organisieren (Danke Statoil – die anderen hatten so etwas nicht). Zunächst überqueren wir die Grenze und haben unsere erste Polizeikontrolle auf der ganzen Tour. Unsere Papiere scheinen in Ordnung zu sein, denn wir dürfen nach kurzer Haltezeit weiterfahren. Dann kann man sich ja wieder der Routenplanung zuwenden. Als ich die Karte aufschlage, bin ich ein wenig irritiert. Ich habe ein Bild vor mir, das einer Zeichnung meiner Tochter im Alter von drei ähnelt. Das ist pures Krikelkrakel. Mit Zahlen dran. Und in bunt. Wenn es hier so viele Straßen gibt, müsste man doch eigentlich schnell voran kommen, schlussfolgere ich – völlig falsch.

Polen besteht eigentlich nicht nur aus Straßen, sondern auch aus Ortschaften. Viele Orte. Man bekommt den Eindruck, dass es ein Gesetz gibt, dass es sich um eine Ortschaft handelt, wenn auch nur ein Lokus aufgestellt ist. Nicht selten ist der Abstand zwischen zwei Orten ein Kilometer oder weniger! So kommt man nicht voran, oder um in einem Filmzitat zu sprechen „wir machen kaum noch Fahrt über Grund“.

Wir beenden unser Fortkommen an diesem Abend spät und finden Unterschlupf in einem Wald. In Polen ist das wilde Campen nicht gerne gesehen, haben wir gehört, und wollen natürlich den hiesigen Beamten auch nicht gleich Grund zum Abkassieren geben. In der Nacht werden wir mehrfach geweckt, weil irgendetwas gegen unsere Funkantenne schlägt. Das Geräusch ist schlichtweg widerlich. Unsere Theorie: Fledermäuse können wegen des kleinen Durchmessers der Funkantenne nicht ausweichen und fliegen dagegen. Wir hoffen inständig, dass sich kein Tier ernsthaft verletzt hat – rund um das Fahrzeug findet sich zumindest kein Anzeichen dafür.

Am nächsten Morgen geht es dann auch weiter. Ein Versuch, das Fahrzeug zu verlassen, müssen wir total zerstochen abbrechen. Die Mücken schlagen unnachgiebig zu. Scheinbar haben sie lange nichts bekommen. Also brechen wir erst auf und entscheiden uns, das Frühstück nebst Kaffe erst später zuzubereiten. Das machen wir dann inmitten einer Stadt in einem Gewerbegebiet. Das passt ganz zufällig zur heutigen Tagesaufgabe, denn wir sollen in Polen eine Möglichkeit finden, unsere Fotos zu den Tagesaufgaben drucken zu lassen. Und tada, hier gibt es Rossmann.

Heute wollen wir noch auf der Route auch noch eine Sehenswürdigkeit mitnehmen und erleben neben der ersten Polizeikontrolle noch ein Novum auf dieser Tour. Wir benötigen das erste mal Bargeld, an einem Ort mit sechsstelligen Besucherzahlen im Jahr. Und nicht etwa Euro, nein, natürlich Zloty. Aber der Pole ist ja geschäftstüchtig, es gibt einen Geldautomat auf dem Gelände. Was für ein Zufall.

Die weitere Fahrt über polnische Straßen ist schlimmer als alles, was wir in Russland erlebt haben. Teilweise werden die Straßen saniert, aber selbst das ist reinste Flickschusterei und wirkt, als ob jeder mal randurfte. Selbst in einer langen Baustelle wirken die Abschnitte so, als durfte jeder Auszubildende sein eigenes Stück bewirtschaften. In einer weiteren Baustelle wundern wir uns nicht nur über die Baustellenabsicherung (nicht vorhanden), sondern auch über die Verkehrsführung um die Baustelle herum (wenigstens das ist im Ansatz besser als in Russland). Es gibt als einzige Maßnahme zur Absicherung Baustellenampeln. Es sind mehrere, aber man hat sich in keinster Weise Mühe gegeben, diese in mehreren Abschnitten hintereinander angebrachten Passagen aufeinander abzustimmen. Und so kommt es, dass sich endlose Autoschlangen bilden, Fahrzeuge aus reiner Genervtheit einfach bei rot fahren oder anderweitig die Ampeln einfach wegignorieren. Interessant. Scheinbar ist das mit der polnischen Straßenverkehrsordnung nur so eine Art Leitfaden, an den man sich halten sollte, nicht muss.

Eine weitere Baustelle weckt unser Interesse. Wir sehen den kompletten Aufbau einer polnischen Straße im Querschnitt und entdecken den Grund dafür, dass selbst frisch sanierte Straßen gleich wieder dellig und löchrig sind. Es wird keinerlei Untergrundbefestigung gemacht, sondern einfach der Asphalt auf eine Schicht Trägermaterial (Kies, Steine oder Sand – was gerade greifbar war) aufgetragen. Ja, so bekommt man Vollbeschäftigung und volle Auftragsbücher hin.

Insgesamt brauchen wir für die Reise durch Polen eineinhalb Tage, für etwas mehr als sechshundert Kilometer, zwei Übernachtungen inklusive. Das war noch weit vor dem letzten Abschnitt zum Nordkapp oder jeder Straße in Russland der langsamste Abschnitt auf der ganzen Tour. Erst als wir die Schnellstraße erreichen, wird es besser. Richtig gut erst auf der Autobahn an unserem letzten Tag. Denn dann durften wir sie wieder benutzen. Wir verlassen Polen über Stettin auf einer gut ausgebauten Strecke und preschen Deutschland entgegen. Dann kurz nach der Grenze noch eine absolute Neuheit auf der ganzen Tour. Wir erreichen mit Deutschland das erste richtige Funkloch der ganzen Tour. Viele Kilometer lang haben wir auf D1 und D2 einfach nichts.

Nicht Kaliningrad

Der Morgen der Entscheidung ist da. Nach unseren bisherigen Erfahrungen mit Russland müssen wir nun festlegen, ob wir durch Kaliningrad wollen, oder eben nicht. In der einen Wagschale liegen die beiden Grenzübertritte, die sicher Zeit rauben werden, in der anderen liegt eben Kaliningrad. Wir entscheiden uns gegen Kaliningrad und werden statt dessen nun nach Vilnius fahren. Diese Entscheidung wird uns nach wenigen Minuten durch die ersten Posts bei Facebook als weise bestätigt. Während die ersten Fahrzeuge am frühen Morgen noch einigermaßen gut durchgekommen sind (halbe Stunde rein, zwei Stunden raus), kommen nun die ersten Meldungen von einem verzögerten Grenzübertritt an der Russisch-Polnischen Grenze. Die Polen nehmen wohl alles sehr genau, heißt es da. Nur ein wenig später dann die erste Horrormeldung. Der Fahrzeugandrang ist nun auch bei der Einreise so groß, dass mit einer Wartezeit von 6 bis 8 Stunden zu rechnen ist. Die Berechnung ist dabei denkbar einfach. Die halbe Stunde je Auto bleibt (Russen arbeiten viel mit Konstanten), nur die Anzahl der Fahrzeuge steigt. Alle Teams von uns, mit denen wir – wenn auch nur auf Umwegen – Kontakt haben, drehen um. Und so sehen einige die Stadt halt nicht. Ein anderes Team, von denen wir hören, haben ein ganz anderes Problem. Alle unsere Visa sind ausgestellt bis zum 2.7. – also übermorgen. Ein Team konnte einreisen, aber nun macht das Fahrzeug nicht mehr mit. Mit einem defekten Fahrzeug in Russland stranden und das Visum läuft ab, erzeugt deutlich mehr Sorgen und Nöte, als ein Einzelner braucht. Es sei an dieser Stelle verraten, dass das Fahrzeug noch vor Ablauf der Visa wieder flott gemacht war. Wieder einmal hat die Hilfsbereitschaft der Teams untereinander gegriffen.

Bevor wir nach Vilnius reisen, sollen wir aber die Tagesaufgabe erfüllen. Wir suchen den Hügel der Kreuze auf. Die Geschichte dahinter ist schon sehr emotional und sie wird durch das Aufsuchen mehr als verstärkt. Es handelt sich eigentlich um eine wilde Gedenkstätte an einen Aufstand. Der Staat lies diesen Hügel mit seinen Kreuzen mehrfach abtragen, doch immer wieder haben die Bewohner des Landes diesen Ort aufgesucht und einfach neue Kreuze im Gedenken an den niedergeschlagenen Aufstand aufgetsellt. Im Laufe der Zeit haben die Behörden aufgehört, hier räumend tätig zu werden. Und seit die Sowjetunion zerfallen ist, wird diese Gedenkstätte geduldet und man hat das Potenzial als touristischen Ort erkannt. So wurde erst vor kurzem ein offizieller Parkplatz angelegt (gegen Gebühr versteht sich – 0,90 Euro – automatisches Aufrunden inklusive) und der Weg zum Hügel befestigt und mit Parkbänken ausgestattet. Aber die Eingriffe haben dem Ort nicht geschadet. Am Hügel selbst hat man nämlich nicht Hand angelegt. Und so stehen immer noch zehntausende Kreuze an diesem Ort. Jedes Kreuz soll an jemanden oder etwas erinnern, einige werden mit guten Vorsätzen und Wunschen platziert, andere hingegen treiben einem sofort Tränen in die Augen. So finden wir zum Beispiel ein Kreuz vor, dass an ein junges Mädchen erinnert. Auf dem Kreuz selbst sind Unterschriften von mehreren Dutzend Menschen, die im Jenseits alles Gute wünschen. Mir wird augenblicklich anders.

Im Prinzip steht hier jedes Kreuz für Sehnsüchte, Wünsche, Trauer und Gedenken und so ist es eine ehrenvolle Tagesaufgabe, ein selbstgebautes Kreuz zu platzieren, gespickt mit dem Namen des Teams. Unser Kreuz aus Totholz und Kabelbindern würde ich jederzeit wiederfinden – es ist das einzige mit einem QR-Code.

Der Weg nach Vilnius ist begleitet von einer Vielzahl Störche. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele von Ihnen gesehen. Auf jedem Turm, fast jedem Laternenpfahl sitzen sie in ihren Nestern. Es muss hier unwahrscheinlich viel Futter geben. Die Landschaft ist hügelig mit vielen Seen, einfach schön. Da wir ja Autobahnen vermeiden müssen, haben wir sehr viel Zeit, diese Eindrücke in aller Deutlichkeit in uns aufzunehmen.

Gegen späten Nachmittag erreichen wir Vilnius, im Regen. Wir verfahren uns einmal, bekommen aber trotzdem relativ schnell den Bogen raus, in welcher Richtung das Stadtzentrum liegen müsste und parken den Wagen. Schnell noch die Parkuhr bestochen und dann machen wir einen kleinen Spaziergang in das Zentrum. Die Prachtstraße in Vilnius ist ein wirklich sehenswerter Boulevard. Uns fällt sofort auf, dass alles zehn Meter ein Mülleimer steht. Und Bänke, viele Bänke. Diese Stadt hat begriffen, wie man Menschen zum Verweilen bewegt. Inzwischen hat der Regen nachgelassen und es wird warm. Wir schlendern zum zentralen, wirklich herrlichen Platz an der Kathedrale. Wir sind genau rechtzeitig zum Glockengeläut hier. Ein wirklich schöner Moment.

Nachdem wir uns gestärkt haben, geht es nun weiter auf unserer Reise. Wir wollen noch heute so weit wie möglich kommen, denn schließlich sollen wir übermorgen schon wieder in Hamburg einlaufen und wir hatten schon gehört, dass die Fahrzeit durch Polen lang ist. Warum weiß ich nicht, denn auf der Karte ist es gar nicht so weit.

Tallinn -> Riga

Ein neuer Tag mit neuer Energie bricht an. Wir frühstücken ausgiebig und schauen mit einem weinenden Auge diesem Fleckchen hinterher. Durch den Wald bahnen wir uns einen Weg zur Straße. Nur klingt Kermit heute nicht gut. Es dröhnt gewaltig. Karsten hält lieber an und schaut unter’s Auto. Der Ursprung ist schnell gefunden. Vom der Aufhängung des Auspuffrohres schlägt die Halterung an das Bodenblech. Karsten entscheidet, dass ihn das nervt, also wird es behoben, am Wegesrand, mit der Eisensäge.

Da wir Autobahnen vermeiden müssen fahren wir auf schmalen Wegen parallel zur Straße, die in der Karte als Autobahn 1 ausgewiesen ist. Dabei stoßen wir auf einen sechs Meter hohen Wasserfall mitten im Nirgendwo.

Ein wirklich hübsches Fleckchen Erde. Die Gegend ist insgesamt ausgesprochen einladend. Wir notieren uns einige Ortsnamen, denn hierher kommen wir bestimmt noch einmal zurück. Als wir durch Zufall an einer Tankstelle der sogenannten Autobahn ganz nahe kommen, machen wir beide entgeisterte Gesichter. So sieht keine Autobahn aus. Kurz bei Wikipedia nachschlagen und den Verdacht bestätigt finden. In Estland und Lettland gibt es sowas wie eine Autobahn nicht. Na toll. Andererseits hätten wir auch den Wasserfall nicht gefunden. Hat also alles seinen Grund.

Talinn erreichen wir zur Mittagszeit. Wir machen einen kleinen Altstadtrundgang und finden es herrlich. Hier lässt es sich aushalten. Bedauerlicherweise sollen wir heute noch das höchste Gebäude der baltischen Staaten finden. Nach kurzer Recherche findet sich der Fernsehturm von Riga. Na, dann mal los.

Ursprünglich sollten wir in einem verlassenen Gefängnis eine kleine Planscheinlage vollbringen. Aber auf Grund eines Festivals ist das Gelände abgesperrt. Daher geht es nun für die Tagesaufgabe nach Lettland. Danach beenden wir den Tag mit einem kleinen Grillerchen im Regen.