St. Petersburg

Wir fangen den Tag sehr früh an, denn wir wollen zeitig in der Großstadt sein, um das Problem mit der Batterie zu lösen. Wir sind inzwischen sicher, den Fehler gefunden zu haben. Die Ladeleistung der Lichtmaschine ist zu gering, die Batterie wird nur spärlich geladen. Um die Fahrt fortführen zu können, benötigen wir wohl oder übel Ersatz. Der Plan ist also, mit dem Auto rein in die Stadt zu einem Ersatzteilhändler und dann das gute Stück ersetzen.

Es gibt aber einige Unwägbarkeiten. Man kann die Sprache nicht, wir haben keine Ahnung, wo es das Ersatzteil gibt, haben kein Internet und können den Wagen nicht ausschalten, denn dann springt er nicht mehr an. Mit diesem bunten Blumenstrauß der Behinderungen geht es jetzt auf in die Großstadt (in der übrigens alle noch schlimmer fahren als irgendwo anders, wo ich persönlich schon fuhr).

Ein Polizist hilft uns gottseidank und gibt eine gute Wegbeschreibung (in Gestiken) zum örtlichen Autoteilestrich. Hier wird alles angeboten. Meistens aus Containern. Es wirkt wie ein runtergekommener Polenmarkt, ausschließlich rund ums Fahrzeug. Aber am Ende dieser Teile-Meile kommt ein Laden namens Euro Auto. Hier finden wir einen „Verkäufer“ mit Englisch – und Fachkenntnissen und die hoffentlich richtige Lichtmaschine.

Könnte sein, dass das richtige Teil vorhanden ist, am besten gleicht man alt und neu miteinander ab. Also ran an den Wagen, noch auf dem Kundenparkplatz hochbocken und mal eben die Lichtmaschine ausgebaut. Der Vergleich zeigt aber. Dass das Teil nicht da ist.

Wir versuchen es nun nur mit dem Laderegler. Allerdings ist der auch nicht da. Als alles wieder eingebaut ist, greifen wir zur Notoption. Wir holen uns eine neue, voll geladene Batterie und hoffen darauf, wenigstens die Grenze zu erreichen.

Bedauerlicherweise hat diese ganze Fehlersuche einen halben Tag verschlungen, der eigentlich für Sightseeing in St. Petersburg eingeplant war. Ist dann halt so. Wir beschränken uns auf den Schnelldurchlauf und versuchen, einen Weg aus der Stadt heraus zu finden. Das erweist sich als extrem schwierig, sodass wir plötzlich auf der Autobahn landen. Zack, ein Autobahnjoker futsch und zwanzig Punkte in den Wind geschrieben. Blöd, aber nun ist es so. Also bleiben wir auf der Bahn und geben unser Bestes, Ortsnamen auf Anzeigetafeln herauszuorakeln. Es ist nicht lange spannend, es klappt nicht. Als wir es merken, können wir gerade noch auf eine Autobahn gen Westen abbiegen, denn wir waren in Richtung Finnland unterwegs. Jetzt fahren wir über Krohnstadt wieder zum Festland. Die Besonderheit hierbei ist, dass nur die Stadt im Wasser auf Fels gebaut ist, die beiden Dämme, die Krohnstadt mit dem Festland im Osten und Süden verbinden, scheinen künstlich angelegt worden zu sein. Skurril. Insgesamt ist der Großteil der von uns befahrenen Autobahn keine zehn Jahre alt. Kuriose Brückenkonstruktion Reihen sich aneinander. Und mittendrin das Fußballstadion und ein fast fertiger Phallus. Putinstadt baut sich seinen eigenen Megapenis mitten im Nirgendwo. Naja, wer es braucht.

Wieder am Festland wollen wir so schnell wie möglich wieder auf die Landstraße zurück und gen Südwesten fahren. Einmal landen wir am Fähranleger gen Finnland und einmal bei einer sehr unfreundlichen Grenzbeamtin am Schlagbaum zu einem Sperrgebiet. Zack, sind unsere Pässe einkassiert und die Dame verschwindet im Grenzer-Häuschen. Nach ein paar Minuten werden wir dann aufgeklärt. Touristen haben hier nichts zu suchen. Ein jüngerer Beamter zeigt uns auf seinem Smartphone Chatverläufe in WhatsApp, in denen dann auch die wichtigen Worte auf deutsch stehen. Grenzgebiet, Sperrgebiet und Tallinstraße. Eigentlich wollen wir genau dorthin. Nach diversen Konversationsversuchen haben wir dann einen groben Plan, in welche Richtung es gehen soll. Die Pässe bekommen wir zurück und werden sehr freundlich mit einem fast ironisch klingenden „welcome to russia“ entlassen.

Unsere Probleme reißen aber nicht ab. Wir wissen nicht, wie lange es mit der Batterie gut geht, kennen nicht einmal ansatzweise den Weg oder Städtenamen entlang der Route und zudem ist kaum noch Treibstoff im Tank. Schön, wenn der Körper derart auf Adrenalin ist.

Nach diversen Kilometern auf Wegen am Rande der Zivilisation erreichen wir eine Tankstelle. Hier gibt es Diesel und eine Wegbeschreibung. In die großen Kuhaugen einer Einheimischen zu schauen, während sie für sich vermeintlich Baby-einfache Worte langsam und überdeutlich in meine Richtung sagt, ist unbeschreiblich. Die Erwartung auf Verständnis steigt mit jeder Silbe in Stimme und Blick. Man könnte einer zweijährigen auch mit erwartungsvoller Miene sagen Des-oxy-ri-bu-nu-kle-in-säu-re. Unbezahlbar. Nichtsdestotrotz bringen uns Sprit und Beschreibung wieder auf Kurs und wir können uns ein Nachtlager suchen, in dem wir natürlich besucht werden. Was wir denn hier machen, deuten wir die Worte. „Parking for Sleep“ zeigen wir und man nickt wohlwollend. Den heutigen Tag möchte ich gerne abhaken, schön war der nicht.

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